Jetzt höre, sehe und lese ich ständig über ein Ereignis, das ich aus nächster Nähe miterlebt habe. Und mir scheint, dass sich vieles daran ablesen lässt über die politische Lage, in der wir uns befinden.
In den Medien wird auf der einen Seite skandalisiert und Entrüstung produziert. Auf der anderen Seite wird eine Handgeste ins Lächerliche gezogen, wird an einem Opfermythos gestrickt. Hinter diesem Lärm verschwindet einiges. Ich schildere an dieser Stelle meine persönlichen Eindrücke. Nichts, was nicht bekannt wäre – aber vielleicht manches, was übersehen zu werden scheint.
Das White-Power-Zeichen war nicht irgendeine Geste. Die jungen Menschen im Reichstag waren so bunt zusammengesetzt, wie diese Generation es eben ist. Wer dort solche Symbole nutzt, spricht Anwesenden die Berechtigung ab, dazuzugehören.
Statt das Problem an Verwaltung und Hauspolizei weiterzureichen, haben die Teilnehmenden selbst gehandelt. Sie haben denjenigen, der in der eigenen Fraktion auf diese Weise Kollegen angegriffen hat, völlig im Einklang mit der gültigen Geschäftsordnung in einer geheimen Abstimmung mit überwältigender Mehrheit aus der Fraktion ausgeschlossen.
Und während andere versuchten, aus dem Vorfall politischen Nutzen zu ziehen, haben die Teilnehmenden ihre Arbeit fortgesetzt. Fast alle waren mit dem Traum angereist, am letzten Tag am Pult des Bundestages sprechen zu können. Aber selbst in angespannter Situation, während draußen vor den Sälen skandalisierende Beiträge für soziale Medien produziert wurden, gelang es, das Rederecht in den Fraktionen demokratisch zu verteilen.
Während übrigens ein Teil der von der AfD nominierten Teilnehmenden in den Spielfraktionen blieb – einer sagte, er habe hier neue Freunde, wolle dazugehören und das angefangene Spiel zu Ende bringen.
Der von der Fraktion am Vortag Ausgeschlossene durfte am nächsten Morgen auch nicht mehr an der Plenarsitzung teilnehmen. Die aus ihren Fraktionen Ausgetretenen nahmen wie im Bundestag üblich ihre Plätze im hinteren Bereich des Plenarsaals ein. Jede Störung erschien ihnen offenbar aussichtslos – Präsidium und überwältigende Mehrheit im Saal waren fest entschlossen, die Arbeit fortzusetzen.
Vier Beschlussempfehlungen und Änderungsanträge wurden debattiert und abgestimmt. Die letzte Entscheidung der Veranstaltung über eine Grundgesetzänderung fiel einstimmig – wohlgemerkt einschließlich der Stimmen der nun Fraktionslosen.
Für mich ist das Ganze ein Lehrstück davon, dass unsere demokratischen Verfahren und Institutionen stark sind, wenn wir – so wie diese beeindruckenden jungen Menschen – die Nerven behalten, uns nicht aufhetzen lassen, uns treu bleiben und sachlich, respektvoll und mit demokratischem Selbstbewusstsein weiterarbeiten.
Ein schwerwiegender Konflikt wurde mit den Regeln des Bundestages bearbeitet. Ein Angriff auf Respekt, Planspiel und Demokratie wurde durch Festigkeit abgewehrt.
Leider lese und höre ich davon nirgendwo.
Unser Projektbericht: Jugend und Parlament 2026
Titelfoto: Deutscher Bundestag / Stella von Saldern




