Die Planspielmethode einmal ganz anders einzusetzen, war eine herausfordernde, spannende und lehrreiche Erfahrung: nicht zur politischen Bildung, sondern als Forschungsinstrument. Die Gelegenheit dazu bot ein Forschungsprojekt des Progressiven Zentrums, das mich als Experten hinzugezogen hatte.
Mit Planspielstrukturen als Moderationsinstrument hatte ich schon zuvor experimentiert – mit prozeduralen Funktionen, aber ohne inhaltlich vorgegebene Rollen. Nun ging es darum, den „Spielenden“ keine statisch formulierten Botschaften mitzugeben, sondern ihnen beim Formulieren von Botschaften zuzusehen, um dabei etwas über Antrieb, Kalkül, Situationsanalyse, Positionierung gegenüber anderen und Argumentationslinien zu erfahren.
Das Planspiel hat als Korsett Handlungsdruck erzeugt und damit zur Bewegung in Verhandlungen gezwungen. Genau das macht die Methode für Forschung interessant. Unser Design hat eine Situation erzeugt, in der die Beteiligten nicht mehrdeutig formulieren und sich diplomatisch aus der Affäre ziehen konnten. Sie mussten sich verhalten, aktiv werden, interagieren, verhandeln, entscheiden, sich festlegen. Und es produzierte Material für eine wissenschaftliche Auswertung: Aufzeichnungen, Beobachtungsprotokolle, Ergebnisdokumente und Erinnerungen, die sich abfragen, vergleichen und analysieren ließen.
Strukturieren kann das Design dabei nur, was eine definierte Gruppe für eine definierte Zeit mit einer klaren Aufgabe zusammenbringt. Dort passiert aber vor allem die strukturierte Interaktion. Kreativität, Absprachen, Strategie und Taktik haben im Sitzungssaal wenig Zeit. Deshalb erwies es sich als wichtig, Lücken im Strukturierten zu lassen – bei uns durch eine lange Beratungspause.
Nach dieser Erfahrung bin ich überzeugt, dass man die Methodik stark weiterentwickeln könnte, indem man sie mehrstufig denkt: also nicht nur im Verlauf des Planspiels schrittweise Festlegungen erzwingt, sondern zugleich bewusst größere frei gestaltbare Zeiträume schafft. So hätte man etwa nach einer Art Kick-off mit erster Aussprache einige Tage zur Erstellung eines Entwurfs lassen können. Oder, näher an der Realität, durch wiederholte Sitzungen bewusst mehr Zeit für die Vorbereitung auf die Anhörung, für die Auswertung der Anhörung oder für informelle Kontakte in der Koalition schaffen können. Selbstverständlich müsste man gründlich überlegen, an welchen Stellen das sinnvoll ist und wie sichergestellt werden kann, dass die Teilnehmenden engagiert und involviert bleiben.
Wie so oft ist mir erst während der Durchführung klar geworden, wie „konservativ“ ich doch im Umgang mit der Planspielmethode bin. Über viele Jahre erlernte „Wahrheiten“ nach dem Muster „geht / geht nicht“, „funktioniert / funktioniert nicht“, „führt zu …“ habe ich mitunter zu dogmatisch vertreten – weil ich nicht immer hinreichend begriffen habe, dass zugrunde liegende Annahmen inzwischen nicht mehr relevant oder zumindest weniger wichtig waren.
Entsprechend wäre ich in einem zweiten Anlauf experimentierfreudiger.



